“Großvater“, sagte Jeremy, „warum habe ich dich noch nie Angst haben gesehen?“
„Weil du nicht genau genug hingeschaut hast,“ antwortete Old Hawk. „Ich habe schon viele Male in meinem Leben Angst gehabt. Sogar jetzt gibt es eine Angst, die ich in mir trage. Ich habe Angst, deine Großmutter zu verlieren.“
Jeremy war erstaunt. Er hatte noch nie gehört, dass sein Großvater irgendeine Art von Angst eingestanden hätte. Doch er hatte es so sachlich gesagt. „Ich hoffe, dass ich meine Ängste auch so ruhig eingestehen kann,“ sagte Jeremy.
„Viele Dinge kommen mit dem Alter,“ versicherte Old Hawk.
„Deine Großmutter und ich sind alt. Wir sind die meiste Zeit unseres Lebens zusammen gewesen. Wenn sie zuerst stürbe, wäre ich verloren. Wir haben alle Angst vor irgendetwas. Doch das sollte uns nicht daran hindern, jeden Tag weiterzumachen. Wir sollten nicht immer Angst vor dem Schatten haben, wenn wir im Licht stehen. Es ist sicher, dass wir nicht wissen werden, wann und wie die schwierigen Zeiten kommen, doch wenn wir akzeptieren, dass sie kommen, dann werden wir leichter mit ihnen fertig, wenn sie tatsächlich kommen. Und denke daran, dass alles, was den Schatten verursacht, kleiner als die Lichtquelle ist.“

Jeremy sah hoch zur Sonne über den raschelnden Blättern der Pappel. Der Baum war riesig, doch war er unendlich und unverständlicherweise viel kleiner als die Sonne.
„Also,“ fragte er, „wenn die Sonne als das Bild für das Gute steht, willst du damit sagen, dass die guten Dinge die schlechten überwiegen?“
„Manchmal tun oder können sie das. Der Punkt jedoch ist, dass wir den Schatten nicht immer vermeiden können. Als ich jung war erzählte mir mein Vater eine Geschichte über Schatten und Sonnenschein. Die Geschichte handelt von zwei Reisenden.“

Zwei Männer reisten kreuz und quer durch ein Land, das in Sonnenschein getaucht war. Der eine war ein Holzschnitzer und der andere ein Jurastudent. Ihre Reise war angenehm. Der Weg war breit und es gab Herbergen, in denen sie nachts Rast machten. Polizisten und Soldaten frequentierten die Straße und somit wußten die Reisenden, dass sie vor Dieben und anderen Leuten, die ihnen Schaden zufügen wollten, sicher waren. Deshalb verlief die die Reise, obwohl diese Umstände segensreich waren, ohne Aufregung oder Herausforderung. Nach einigen Tagen führte der Weg in einen großen, sehr dunklen und dichten Wald. Der Jurastudent hielt am Waldesrand an und weigerte sich, noch einen Schritt weiterzugehen.
„Wir müssen in den Wald gehen“, Beharrte der Holzschnitzer. „Es ist ein Teil unserer Reise.“
„Aber ich mag keinen tiefen Schatten,“ sagte der Dozent. „Ich weiß nicht, was sich dort im Dunkeln versteckt. Es könnten Diebe dort lauern, die darauf warten, uns zu überfallen oder möglicherweise bösartige wilde Tiere.“
„Das stimmt“, antwortete der Holzschnitzer. „Der Wald ist ein Ort, an dem es vieles gibt. Es könnte dort andere Reisende oder gefährliche und unbekannte Dinge geben. Doch wir werden es erst wissen, wenn wir in diesen Schatten hineingehen. Es gibt dort drinnen jedoch etwas , das am allergefährlichsten ist. Das weiß ich.“ Der furchtsame Jurastudent schreckte zurück. „Wovon in aller Welt sprichst du? Was kann gefährlicher sein als Diebe und wilde Tiere?“ „Deine Ängste“, erwiderte der Holzschnitzer und betrat den Wald.

Er lief in den Schatten. Mehr als einmal versteckte er sich vor Diebesbanden, kletterte auf einen Baum, um sich vor einem Bären zu retten. Bevor er die andere Seite des Waldes erreichte, musste er vom Weg abweichen, um Wasser zu finden und verirrte sich. Doch es gelang ihm den Weg wiederzufinden. Nach etlichen Tagen und Nächten kam er auf der anderen Seite des Waldes zum Vorschein und kam wieder in den Sonnenschein. Der Jurastudent war währenddessen aus Furcht, dem Schatten zu begegnen, am Rande des Waldes geblieben.

„Was glaubst du, was aus dem Mann, dem Studenten, geworden ist“, fragte Jeremy neugierig. „Blieb er am Waldesrand?“ Was glaubst du?“ entgegnete Old Hawk.

„Also ich glaube, das wir manchmal unsere eigenen Schatten schaffen“, meinte Jeremy. „So hat er vielleicht niemals herausgefunden, dass seine Ängste den Wald dunkler machten, als er wirklich war. Wenn ja, hat er nicht das lernen können, was der Holzschnitzer lernte.“

„Und was hat der Holzschnitzer gelernt?“ fragte der alte Mann. Jeremy dachte einen Moment lang nach. „Manchmal müssen wir die Dunkelheit und das was sie bereit hält ertragen. Wenn wir das tun, schätzen wir das Licht. Der Mann, der nicht in den Wald gehen wollte, hat versucht, die Schatten, die Teil des Lebens sind, zu leugnen,“ entschied Jeremy.

„Richtig. Außerdem hat er seinen Ängsten nachgegeben und somit sich selbst um die Erfahrung gebracht, sich ihnen zu stellen“, erwiderte der alte Mann. „Deshalb lernte er die falsche Lektion. Das machen wir alle von Zeit zu Zeit. Anstatt mir darüber Sorgen zu machen, wie ich das ohne Deine Großmutter ertragen soll, werde ich das Beste aus der Zeit machen, die uns noch bleibt.“

Aus dem Buch „Bleib auf deinem Weg“ Joseph M. Marshall